Andrea Bruckner, CDO von BDO
Foto: BDO AG

BDO-Digitalstrategie: raus aus der Mitte

BDO-Digitalstrategie: raus aus der Mitte

Die Digitalisierung treibt das Geschäft bei BDO. Andrea Bruckner, CDO des Wirtschaftsprüfers, sorgt für die passenden Services.

Eigentlich ist bei BDO alles in bester Ordnung. Der seit 2016 verpflichtende Prüferwechsel bringt Bewegung in den Wirtschaftsprüfungsmarkt. BDO möchte davon profitieren und hat das Portfolio dementsprechend aufgestellt. So konnte das mittelständische Prüferhaus im vergangenen Jahr viele neue Prüfmandate gewinnen, darunter ein börsennotiertes Unternehmen (Deutsche Beteiligungs AG), das zuvor beim Big-Four-Haus KPMG mandatierte. „Durch solche Zugewinne können wir zeigen, dass wir eine echte Alternative für Unternehmen sind, die eine Prüferrotation vor sich haben“, erklärte Andrea Bruckner dem Magazin FINANCE.

CDO Insight: der Newsletter

Alles Wichtige für Digitalchefs. Wöchentlich. Kostenfrei per Newsletter.

Jetzt kostenlos registrieren

Bruckner ist Vorstandsmitglied der BDO AG und verantwortet die Grundsatzabteilung und die der Wirtschaftsprüfung vorgelagerte Qualitätssicherung. Zudem ist sie die Digitalchefin des Hauses. „Die Geschäftsmodelle unserer Kunden verändern sich zum Teil radikal. Deshalb müssen wir unser Geschäft breit aufstellen, um auf diese Veränderungen eingehen zu können“, so die CDO.

Digitalisierung: sinkende Margen im Kerngeschäft

Raus aus der Mitte lautet die Devise. Auch deshalb investiert BDO seit 2014 in den neuen Geschäftsbereich Beratung. Denn während das Neugeschäft mit den Beratungsmandaten anzieht, ist das Kerngeschäft langfristig bedroht. „In der klassischen Compliance-orientierten Steuerberatung gehen wir davon aus, dass die Margen weiter sinken“, erklärt Bruckner. Die Automatisierung löse die Personenabhängigkeit in diesem Geschäftsbereich auf, da sich viele Schritte IT-gesteuert abwickeln ließen. „Gerade deshalb sind gut ausgebildete Leute so wichtig, die beispielsweise ergänzend zulässige Gestaltungsberatung anbieten können.“

„Advisory Services“ hat bei BDO in den vergangenen Jahren entsprechend stark zugelegt und trägt mit knapp 37 Millionen Euro inzwischen 15 Prozent zum Umsatz bei. Die Summe ist mehr als eine Verdoppelung gegenüber 2014. Laut den aktuellen Geschäftszahlen ist das Unternehmen in Deutschland im vergangenen Jahr um 8 Prozent auf rund 241 Millionen Euro gewachsen.

Bessere Lösungen, bessere Mitarbeiter

Doch können die neuen Angebote den Rückgang im Kerngeschäft auch dauerhaft kompensieren? Wirtschaftsprüfern könnte es wie der Verlagsbranche ergehen: Für digitale Lösungen zahlen die Kunden weniger. Das gilt bei der Wirtschaftsprüfung und der Steuerberatung: Mit digitaler Unterstützung geht alles schneller mit weniger Leuten – das möchte der Kunde womöglich auch auf der Abrechnung sehen.

Der Plan der BDO-Digitalchefin: bessere Lösungen mit besser ausgebildeten Mitarbeitern. Neue digitale Lösungen für den Bereich Accounting und Steuerberatung treibt sie bereits voran, versehen mit hohen Erwartungen. Aber das bedeutet zunächst einmal: Standardisierung in möglichst vielen Bereichen. „Standardisierung ist eine Basisvoraussetzung, um zu automatisieren. So steigt wiederum die Qualität der WP-Dienstleistung“, argumentiert sie.

Daten- und Sicherheitslösungen als Zugpferd

Bruckner möchte in der Wirtschaftsprüfung künftig portfolioübergreifend margenträchtige und innovative Dienstleistungen anbieten. Das Herzstück ihrer Agenda: ein neues Prüfungstool und ein Kollaborationstool, mit dem BDO sicher und unkompliziert mit den Mandanten kommunizieren kann. Bruckner beobachtet zudem einen steigenden Bedarf der Mandanten im Bereich Datenanalyse und Bewertung sowie an Dienstleistungen, die Authentizität und Verlässlichkeit von Daten sicherstellen.

Die Neuaufstellung soll nach und nach die gesamte Organisation erfassen. Der Investitions- und Abstimmungsbedarf ist enorm. „Kompromissfindung ist natürlich sehr anstrengend – aber immens wichtig, um zu einem Ergebnis zu kommen, das von allen Parteien gemeinsam getragen wird“, sagt die CDO. Hinzu kommt: Abgesehen von den zeit- und kostenintensiven Bewerbungsprozessen um neue (und große) Prüfungsmandate schraubt Bruckner an Teams aus hochqualifizierten IT-Spezialisten – die teuer sind.

Die Digitalisierung fordert Investitionen

„Die IT-Spezialisten müssen auf der System- und Fachebene die Daten verstehen und bewerten können“, sagt sie. Dazu werde eine ganz andere Prüfungstechnik angewendet. Bruckner braucht daher IT-Spezialisten, die Buchhaltung, Rechnungslegung und interne Kontrollsysteme verstehen. Sie muss die passenden Teamstrukturen schaffen, um diese Spezialisten für BDO zu begeistern. Und sie muss dafür sorgen, dass sich Tech-Spezialisten und klassische Prüfer verstehen.

Für Bruckner ist das nichts Neues. „Wir arbeiten seit 20 Jahren daran, definieren Profile und Qualifikationen neu. Allerdings fragen derzeit sehr viele Unternehmen Datenspezialisten nach“, sagt sie. Um beim knappen Angebot nicht jeden Preis zahlen zu müssen, setzt Bruckner auf die Skills der Kollegen. „Wir qualifizieren intern und setzen auf Fortbildungsprogramme oder entwickeln IT-Programme zur Unterstützung von Kollegen, die keine ITler sind“, erklärt sie.

Bremst Kannibalisierung das Wachstum?

Die CDO sieht interne Weiterbildung als Wettbewerbsvorteil und setzt darauf, dass das Beratungsgeschäft noch stärker anziehen wird. „Die Beratung müssen wir weiter ausbauen, weil es ein enormer Wachstumsbereich ist“, sagt sie. Die Reputation aus dem Kerngeschäft sei dafür ein starker Hebel. „Wir kennen das Wettbewerbsumfeld, können das Geschäftsmodell bewerten und wissen, wo dessen Schwächen liegen“, sagt Bruckner.

Allerdings schiebt jedes neue Prüfungsmandat dem Beratungsgeschäft einen Riegel vor. Der interne Wettbewerb zwischen Kerngeschäft und Neugeschäft ist in der Wirtschaftsprüfung sozusagen regulatorisch institutionalisiert und damit noch schwerer zu durchbrechen als in anderen Unternehmen. Hinzu kommt: Durch ein neu gewonnenes Mandat verschwindet der Wettbewerber nicht von der Bildfläche, im Gegenteil. Ein Mandat im Dax-30 steht bei allen im Fokus, sowohl als Prüfer als auch Berater. Wer in einem Geschäftsbereich nicht zum Zuge kommt, wird es beim anderen versuchen.

Das könnte Sie auch interessieren

  • Stefan Mues, Calida-Digitalchef Calida-CDO: Herr der Welten 17 Juli 2019 - Posted in: Markt - Digitalchef Stefan Mues erschließt für den Wäschekonzern Calida das Endkundengeschäft. Das erzeugt Spannung: am Markt und in der Organisation. ...

Die Initiativen der Digitalchefin bringen BDO aber in jedem Fall Sichtbarkeit und Differenzierung. Zudem erweitert der Prüfer sukzessive sein Netzwerk und reichert es mit relevanten Playern für das Neugeschäft an – auch über M&A-Aktivitäten. „Momentan kaufen wir im Wesentlichen innerhalb der Branche“, sagt Bruckner. Die Geschäftsbereiche IT und Cybersecurity seien organisch aufgebaut worden und würden dynamisch weiterwachsen. „Im Bereich Innovation-Business-Analytics könnte noch etwas passieren“, lässt Bruckner durchblicken. Derzeit kooperiere BDO hier noch mit externen Partnern, mit denen spezifische Programmierthemen gelöst werden.

Keine Minimum Viable Products

In Bruckners CDO-Position steckt jedenfalls viel Spannung, das sieht auch sie so. „Ich führe viele Gespräche. Wenn ich abends nach Hause komme, ist mein Diskussionsbedarf dann meist gestillt.“ Sie ist Impulsgeber und -empfänger für Innovationen, gleichzeitig muss sie dafür sorgen, dass das Geschäft sauber vonstattengeht.. Ein MVP-Ansatz funktioniert hier nicht, sondern führt mitunter zu erheblichen Konsequenzen. „Ich sehe derzeit sehr viel mehr Themen, die wir angehen sollten. Als vorsichtige Kaufleute realisieren wir nur Projekte, von deren Erfolg wir 100%ig überzeugt sind. Das Vertrauen, das uns unsere Kunden entgegenbringen, dürfen wir nicht durch ein ‚Trial and Error‘-Prinzip gefährden.“

INFO

Die CDO

Andrea Bruckner ist mit dem Prüfungs- und Beratungshaus BDO gewissermaßen verwachsen. Sie begann ihre Karriere 1996 bei der AWT Horwath GmbH. Ab 2001 verantwortet sie das Geschäft des mittelständischen Prüfers dann als Geschäftsführerin. 2011 schlossen sich AWT Horwath und die BDO AG zusammen, Bruckner stieg als Partnerin ein. Seit 2015 bekleidet sie bei BDO einen Vorstandsposten und ist zuständig für Facharbeit und Qualitätssicherung in der Wirtschaftsprüfung. Seit 2018 ist sie CDO des Unternehmens. Die strategische Neuausrichtung und die Digitalstrategie hängen eng zusammen. Die CDO unterfüttert mit Personal, der passenden IT und den nötigen Dienstleistungen. In ihren Worten: „Ich schaffe den Rahmen, aber das mit Inhalt zu füllen, das machen die Spezialisten.“ Was man noch über sie wissen sollte? Sie schätzt geordnete Abläufe. „Das Denken in Prozessen und Strukturen ist meine Stärke.“ Bruckner sucht aber auch die Herausforderung. „In Frage zu stellen, was man zehn Jahre lang getan hat, das inspiriert mich.“

INFO

Das Unternehmen

BDO zählt mit über 1.900 Mitarbeitern an 27 Standorten zu den führenden Prüfungs- und Beratungshäusern in Deutschland. Zuletzt erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 241 Millionen Euro. BDO ist hinter den Big-Four-Prüfungsgesellschaften die fünftgrößte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, doch der Abstand zur Führungsriege ist groß: Deloitte rangiert als Letztplatzierter, aber immerhin mit einem Jahresumsatz von 1,4 Milliarden Euro.

Schlagwörter

Aktuelle Beiträge



MEHR DAZU »
Die juristischen Aspekte der Industrie 4.0 und des Einsatzes von KI im Unternehmensalltag
Alles Wichtige für Digitalchefs – Jede Woche neu – Kostenfrei per Newsletter
Alles Wichtige für Digitalchefs. Wöchentlich. Kostenfrei per Newsletter.
Newsletter kostenlos abonnieren
Newsletter kostenlos abonnieren
Alles Wichtige für Digitalchefs

– Jede Woche neu – Kostenfrei per Newsletter
Newsletter kostenlos abonnieren