Ulrich Faisst, Digital Transformation Officer bei Trumpf
Foto: Trumpf

CDO-Organisation bei Trumpf: das Vieraugenprinzip

CDO-Organisation bei Trumpf: das Vieraugenprinzip

Saubere Arbeitsteilung bei Trumpf: CDO Mathias Kammüller kümmert sich um die Digitalstrategie. Die Umsetzung übernimmt Ulrich Faisst. Ist das sinnvoll?

Viele CDOs sind nicht nur für die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie zuständig, sondern auch für ihre Umsetzung. Beim Maschinenbauer Trumpf geht man einen etwas anderen Weg: In der Hierarchie gibt es unterhalb von Digitalchef Mathias Kammüller den Digital Transformation Officer Ulrich Faisst. Der kümmert sich mit seinem Team um die Koordination der verschiedenen Digitalisierungsanstrengungen im Haus und das entsprechende Projektmanagement, damit sich Kammüller auf seine unternehmerischen Aufgaben als Digitalverantwortlicher in der Geschäftsführung widmen kann. Faisst selbst beschreibt es so: „Meine Aufgabe ist es, den Erfolg der Digitalen Transformation im Unternehmen sicherzustellen.“

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Lean-Management-System seit 20 Jahren

Dazu muss man wissen: Der Weg für Faissts Arbeit wurde gewissermaßen geebnet, lange bevor er zu Trumpf stieß. Vor zwei Jahren zog es ihn von Zeiss in Stuttgart vor die Tore der Stadt: nach Ditzingen, dort hat Trumpf seinen Stammsitz. Damals hatte Mathias Kammüller gerade die Leitung des größten Geschäftsbereichs, des Werkzeugmaschinenbaus, abgegeben, und wurde Chief Digital Officer der Gruppe. Das nötige Standing im Unternehmen brachte Kammüller mit, schließlich ist er nicht nur Mitglied der Geschäftsführung und Ehemann der geschäftsführenden Gesellschafterin Nicola Leibinger-Kammüller. Er hat auch die ersten großen Transformationsprojekte bereits vor 20 Jahren getätigt. Damals hatte Kammüller von einem Japan-Aufenthalt die Idee zum Lean-Management-System „Synchro“ mitgebracht, das das Unternehmen ab 1998 einführte. Seitdem wurden unter anderem durch eine höhere Transparenz in der Produktion die Prozesse verbessert und die Produktivität gesteigert. Der Erfolg gibt ihm heute recht: Der Umsatz stieg in den vergangenen zehn Jahren auf rund das Doppelte und lag zuletzt bei ca. 3,8 Milliarden Euro.

Rekordjahr und Arbeitsplatzgarantie

Zudem sorgte Kammüller für die nötige „Ruhe“ in der Belegschaft. Bei Trumpf arbeiten 14.500 Menschen. Damit diese bei der Digitalen Transformation mitziehen, ohne Angst haben zu müssen, sich selbst wegzurationalisieren, wurde schon vor Jahren eine Arbeitsplatzgarantie ausgesprochen. „Das hat sehr viele Ängste genommen“, sagt Faisst. Dennoch wird bei Trumpf niemand in Watte gepackt. Natürlich müssten die Mitarbeiter mitspielen und den Willen haben, sich weiterzuentwickeln, sagt Faisst. Denn die Tätigkeiten und Anforderungen würden sich nicht zuletzt durch die Digitalisierung durchaus ändern – und zwar überall, in jeder Abteilung.

Axoom: das Ende einer Tochter

Wie sauber in Ditzingen kalkuliert wird, wenn Dinge nicht mehr zur Kernstrategie passen, zeigt auch die Veräußerung der ehemaligen Tochter Axoom in diesem Sommer. Die IoT-Plattform war 2015 als Trumpf-Tochter gegründet worden, wurde zum 1. Juli 2019 zum Großteil an den Dienstleister GFT veräußert. Das Karlsruher Unternehmen übernahm nicht nur das bisherige Axoom-Geschäft, sondern auch das Gros der Mitarbeiter. Lediglich der Markenname und der Teil der Mitarbeiter, die ohnehin eng in die Entwicklung von Komponenten für die Trumpf-Fertigungslösung Truconnect eingebunden waren, bleiben im Ditzinger Unternehmen.

Selbst Treiber sein

Wie die meisten von Trumpf entwickelten Lösungen wird auch Truconnect in den eigenen Werken angewendet. Konkret ist die Blechfertigung am Unternehmenssitz in Ditzingen bei Stuttgart, in der vor allem die Bleche für die später verkauften Maschinen zugeschnitten werden, vollständig vernetzt, auch an anderen Standorten ist Trumpf digitaler unterwegs als das Gros seiner Kunden. Das führt zum einen dazu, dass Lösungen, bevor sie auf den Markt kommen, relativ schnell und unkompliziert im eigenen Haus erprobt werden können. Wichtiger ist aber auch hier der direkte Nutzen für den Kunden: Ersatzteilbestellungen, die früher erst nach vier Tagen erfüllt wurden, sind heute mitunter schon nach wenigen Stunden abgehakt und auf dem Weg zum Kunden – oder schon bei ihm. Dass das nötig ist, macht Faisst vor allem am Kunden fest: „Die lassen sich zu Recht nur überzeugen, wenn sie uns auch als digitales Unternehmen wahrnehmen.“

Und darum kümmert er sich. In einem ersten Schritt digitalisiert Trumpf die eigene Organisation und Produktion, um mit den so gefundenen Lösungen anschließend den Kunden bei deren Digitalisierung zu helfen. „Wir müssen selbst der Treiber zu sein und unsere Kunden mitzunehmen“, sagt Faisst. Es sei doch so, dass die Kunden entweder bei Trumpf mitzögen oder früher oder später bei einem anderen – oder der Markt hänge sie ab.

Weltweites Schulungsprogramm

Um die Digitalisierung in der eigenen Organisation weiter voranzutreiben, organisierte Faisst mit seinem Team im vergangenen Geschäftsjahr zudem das „Jahresthema ‚Digital führend‘“. Alle 1.400 Führungskräfte des Unternehmens weltweit durchliefen in den vergangenen 12 Monaten dieses Schulungsprogramms, der letzte Workshop fand Ende Juni in Yokohama statt. „Dort haben wir den Führungskräften das Warum, Was und Wie der Digitalen Transformation nähergebracht“, fasst Faisst zusammen – also die Ziele des Changeprozesses, konkrete Maßnahmen und Projekte sowie agile Methoden und Design Thinking.

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Die Transformation ist nach diesen Führungskräfteschulungen alles andere als abgeschlossen, die Kollegen sollen das Gelernte nun in ihre Abteilungen weitertragen und anwenden. Dass es dabei nicht überall gleich schnell vorangeht, ist klar. Faisst möchte nicht ins Detail gehen, gibt aber zu, dass genauso, wie nicht jedes Unternehmen die Digitale Transformation gleich schnell angeht, auch nicht jede Abteilung auf dem gleichen Level sei. Problematisch findet er das nicht. „Es gibt natürlich Bereiche die noch mehr Zeit haben als andere, sich auf die Veränderungen einzustellen“, sagt er. Schließlich sei nicht überall der Markt- und Kundendruck gleich groß. „Je näher ich aber an unseren digitalen Lösungen bin und je näher am Kunden, desto größer ist der Veränderungsdruck“, schränkt Faisst ein. Intern nimmt man in Ditzingen also Ineffizienzen zumindest vorrübergehend in Kauf – wenn sie nicht überhand nehmen.

Gegen den Elfenbeinturm

Faisst selbst kann sich allerdings keine solchen Ineffizienzen leisten, weshalb er wenig davon hält, wenn die Digitalisierer im Elfenbeinturm sitzen. „Die Hauptakteure müssen in den Abteilungen sitzen“, sagt er. Zu seinen Aufgaben gehört daher auch das Schaffen von Digitalsatelliten in den einzelnen Abteilungen. Die enge Orientierung an der Produktion schließe allerdings nicht aus, eine Digitaleinheit aufzubauen und diese sogar in Berlin anzusiedeln (wo Trumpf auch Partnerschaften mit Start-ups und anderen Unternehmen betreibt). „Sobald es aber um die Transformation des Kerngeschäfts geht, muss ich mit den Leuten vor Ort arbeiten. Das geht nicht, ohne auch Strukturen anzupassen – und hier kommt wieder CDO Mathias Kammüller ins Spiel. Denn dessen Backing eröffnet innerhalb des Unternehmens Möglichkeiten, die Faisst und sein Team alleine nicht hätten. „Er schafft es, Hemmnisse aufzubrechen, die ich nicht aufbrechen kann“, sagt Faisst.

INFO

Der Digital Transformation Officer

Der promovierte Wirtschaftsinformatiker Ulrich Faisst ist seit September 2017 Digital Transformation Officer bei Trumpf und berichtet in dieser Position an den CDO des Unternehmens, Matthias Kammüller. Zuvor war Faisst sieben Jahre bei der Zeiss Group tätig, erst als Vice President Sales bei Carl Zeiss Vision, seit Oktober 2015 als Digital Transformation Officer auf Gruppenebene.

INFO

Das Unternehmen

Das 1923 gegründete Familienunternehmen Trumpf gehört zu den weltweit größten Anbietern von Werkzeugmaschinen für die metallverarbeitende Industrie. Dazu gehören neben Maschinen zum Stanzen und Schneiden von Blechen seit über 30 Jahren auch solche mit Lasertechnik, dem zweiten Geschäftsbereich des Unternehmens. Geprägt wurde das Unternehmen über Jahrzehnte von Berthold Leibinger (1930-2018), der vom Leiter der Konstruktionsabteilung sukzessiv zum Mehrheitseigner und Vorsitzenden der Geschäftsführung wurde. Heute gehören unter anderem seine Kinder Peter Leibinger (stellv. Vorsitzender) und Nicola-Leibinger-Kammüller (Vorsitzende) sowie sein Schwiegersohn Mathias Kammüller (CDO) zur Geschäftsführung des Unternehmens.

Foto: Trumpf

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