Corporate-Venture-Strategie von Evonik: die richtige Chemie

Corporate-Venture-Strategie von Evonik: die richtige Chemie

Bernhard Mohr hat dem Spezialchemiekonzern Evonik in der Venture-Capital-Szene ein Gesicht gegeben. Ein Portrait des Leiters der Corporate-Venture-Unit.

Bernhard Mohr weiß, wann die Chemie stimmt – und wann nicht. Er ist Chemiker. Außerdem verantwortet er die Corporate-Venture-Capital(CVC)-Aktivitäten des Spezialchemiekonzerns Evonik, die Beteiligungsgesellschaft Evonik Venture Capital. Man könnte also sagen, dass er ein Labor leitet. Nur geht es dort nicht um chemische Substanzen, sondern um junge Technologieunternehmen, die er „extrahieren“, also finden, binden und in die richtige Position zur Wachstumsstrategie des Hauses bringen muss.

Fachliche Basis: Stratege und Marktkenner

„Wenn man eine Corporate-Venture-Unit leitet, braucht man die entsprechenden fachlichen Voraussetzungen für die Technologiebewertung und Finanzierung von Unternehmen, ein Verständnis von Märkten sowie eine gute Vernetzung mit anderen Venture-Capital(VC)-Investoren“, sagt er. Als Leiter einer CVC-Einheit sei es aber auch notwendig, eine Balance zwischen strategischen und finanziellen Zielen sicherzustellen. Hierfür sei es erforderlich, die Bedürfnisse des Konzerns zu verstehen und die Investmentaktivitäten daran auszurichten.

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Die Wachstumsstrategie von Evonik dreht sich um vier Bereiche, in denen überdurchschnittliches Potential für Wachstum und Margen verortet wird: Specialty Additives, Animal Nutrition, Smart Materials sowie Health & Care. Diese Wachstumskerne und die dazu gehörigen Innovationswachstumsfelder stehen im Zentrum der Corporate-Venturing-Investitionen. So hat Evonik zum Beispiel in die deutschen Biotechnologieunternehmen Jenacell und Numaferm investiert, um die Bereiche Health & Care und Specialty Additives zu stärken.

Ordentliche Ausstattung ein muss

Ins Leben gerufen wurde Evonik Venture Capital im Jahr 2012. Mohr stieß dazu, als es das grobe Konzept bereits gab. Was er erfolgversprechend daran fand: ein Venture-Arm dürfe nicht irgendwo im Konzern versteckt sein, sondern müsse nach außen sichtbar als eigene Organisation auftreten. Evonik investiert über seine Beteiligungsgesellschaft typischerweise bis zu 5 Millionen Euro pro Unternehmen, davon zwischen 500.000 Euro und 3 Millionen Euro in der ersten Finanzierungsrunde.

Mohr ging damals mit drei Investmentexperten an den Start. Mittlerweile ist das Team auf neun Manager in Deutschland und den USA gewachsen, allesamt erfahrene Finanzierungs- und Technologieexperten. Die meisten kommen aus dem Konzern, einige hat Mohr von außen geholt. „Um erfolgreich zu sein, benötigt eine Venture-Capital-Einheit eine gewisse personelle Ausstattung und muss über ein ausreichend großes Volumen an Kapital verfügen.“ Mohr ist mit derzeit 100 Millionen Euro ausgestattet, was ihm erlaubt, auch größere Schritte zu gehen.

Vertrauen und Netzwerke sind wichtig – intern und extern

Doch das hängt nicht nur am Volumen, sondern auch an den passenden Strukturen. „Die Szene lebt stark von persönlichen Kontakten und Vertrauen. Für mich war das damals eine spannende Herausforderung, eine passende Einheit bei Evonik aufzubauen und dem Konzern in der VC-Szene so ein Gesicht zu geben, das Vertrauen bei Investoren und Start-ups schafft.“ Das scheint ihm gelungen zu sein. Unter den 100 wichtigsten Venture-Capital-Organisationen hat er sein Team recht früh platzieren können. Inzwischen werden sie vom Magazin „Global Corporate Venturing“ auch unter den Top 15 im Bereich Industrials gelistet.

Mohr setzt dazu auf Investitionskriterien, die es auch anderen Akteuren erlauben mitzugehen. Hierbei gehe es um professionelle Prozesse und Entscheidungsstrukturen, die aber auch schnell sein müssten. Mohr ist im Austausch, zum einen mit anderen Fonds, die potentielle Co-Investoren sein könnten. Zum anderen ist er aktiv in den wichtigen Dachorganisationen, natürlich auf deutscher und europäischer Ebene, aber auch im nordamerikanischen Markt.

Internes Networking sei aber mindestens genauso wichtig wie die externen Kontakte, sagt er. Mohr sucht dazu den Kontakt zu den Leitern der Geschäftsbereiche, der Strategieabteilungen, entweder aus Geschäfts- oder Konzernsicht, und den Leitern der Innovationsabteilungen. Er kann aber nicht nur im Topmanagement ansetzen. Als Vertreter des Corporate-Venture-Capital-Teams muss er mit den Kollegen auch in engem Austausch mit den Experten im Konzern stehen. Ihre Unterstützung braucht er – und die der Vorgesetzten. Fast könnte man denken: eine explosive Mischung, es allen recht machen zu müssen – oder zumindest ein Spagat. Doch das stimmt nicht. Mohr sagt: Seine Arbeit stehe in engem Abgleich mit der Konzernstrategie. „Daher gibt es ein hohes Interesse der Kollegen, wenn sie sehen, dass sie gemeinsam mit uns die Ziele erreichen.“

Venture- und Digitaleinheit rücken näher zusammen

Sobald sein Team ein spannendes Unternehmen entdeckt hat, stellt es frühzeitig den Kontakt zwischen den operativen Einheiten und dem Start-up her, um Eckpunkte einer möglichen Zusammenarbeit zu diskutieren. Kernfrage dabei: Wie könnte eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen Evonik und dem Start-up aussehen, was bringt Evonik ein, was das Start-up? Im Portfolio hat Mohr derzeit rund 20 Unternehmen und spezialisierte Fonds. Mit seinem Team schaut er sich jedoch mindestens 500 Unternehmen pro Jahr an, mittlerweile sind davon 20 Prozent in Sachen Digitalisierung unterwegs. „Eine steigende Anzahl dieser Unternehmen weckt auch unser Interesse“, sagt er.

Aktuell hat sich Evonik Venture Capital gerade an einem großen deutschen Digitalfonds beteiligt. Für Mohr und seine Kollegen ein außerordentlich spannendes Set-up, wie er sagt. Dieser Fonds stellt Wachstumskapital für schnell wachsende junge Industrial-Tech- und Fintech Firmen mit erprobten und erfolgreichen B2B-Geschäftsmodellen bereit. „Hieraus erhoffen wir uns auch wertvolle Impulse für die Digitale Transformation von Evonik“, erläutert er.

Forschung als Quelle

Mohrs Team sucht und findet Unternehmen auf der ganzen Welt. Die wichtigsten Quellen hierfür sind global ausgerichtete Netzwerke mit anderen Investoren, zudem der enge Kontakt zu Universitäten und Forschungsclustern. „Wir werden häufig direkt angesprochen und haben über die Fonds global Zugang zu interessanten Start-ups“, sagt Mohr.

Evonik investierte im Jahr 2016 rund 440 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Das Geld fließt in Aktivitäten der Geschäftseinheiten und der strategischen Forschung. Darüber hinaus betreibt Evonik Technology-Scouting, Innovationspartnerschaften mit chemiefremden Unternehmen, und nutzt eben auch Venture Capital zur Unterstützung der Wachstumsstrategie des Konzerns. Wie bringt man diese Instrumente in Einklang? Mohr rät: „kein Entweder-oder“, denn die Summe und das gute Zusammenspiel dieser Instrumente seien der Garant für Innovationskraft.

In welche Richtung Evonik mit seinen Venture-Capital-Aktivitäten künftig gehen möchte, könnte man an den Beteiligungen der vergangenen Jahre ablesen. In den ersten Jahren konzentrierten sich die Aktivitäten stark auf die Kernmärkte in den USA und Europa, 2016 gab es bereits zwei Beteiligungen in China. „Innovation findet neben den USA und Europa zunehmend auch in Asien statt, entsprechend arbeiten auch wir an einem globalen Footprint“, sagt Mohr.

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Er beobachtet derzeit sehr genau, was in Israel passiert; regelmäßig fährt er dorthin. Zudem hat Evonik Venture Capital schon 2012 ein Venture-Büro in den USA eröffnet. Berlin sei natürlich ebenfalls hochspannend, weil hochdynamisch. Teil eines Hubs oder einer großen Factory zu sein, das komme derzeit nicht für ihn in Frage. „Ich schließe aber prinzipiell nichts aus“, sagt er. Das scheint ein Naturell zu sein, das ihm seine Arbeit erleichtert: stets beobachten, in engem Kontakt stehen – und wenn die richtigen „Zutaten“ zusammenkommen, rasch zuschlagen.

INFO

Dr. Bernhard Mohr ist seit Januar 2012 Leiter von Evonik Venture Capital, der Beteiligungsgesellschaft des Spezialchemiekonzerns. Zwischen 2006 und 2011 gehörte er zum VC-Team bei BASF. Dort begleitete er zuvor seit 1996 unterschiedliche Senior-Positionen. Mohr studierte Chemie an der Universität Stuttgart und promovierte am Max-Planck-Institut für Polymerwissenschaften in Mainz. Der Industriekonzern Evonik ist mit rund 35.000 Mitarbeitern in mehr als 100 Ländern der Welt aktiv. Im Geschäftsjahr 2016 erwirtschaftete das Unternehmen bei einem Umsatz von 12,7 Milliarden Euro ein operatives Ergebnis (bereinigtes Ebitda) von 2,165 Milliarden Euro.

Foto: Evonik

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