Patrick Kosche, CFO und CIO von JAB Anstoetz
Foto: JAB Anstoetz

Digitalisierung bei JAB Anstoetz: KI ist nicht alles

Digitalisierung bei JAB Anstoetz: KI ist nicht alles

Bei dem Stoffgroßhändler JAB Anstoetz treibt CFO und CIO Patrick Kosche die Digitalisierung voran – und sammelt dabei neben Daten vor allem Erfahrungen.

Für Patrick Kosche ist die Sache klar: „Digitalisierung ist im Kern nichts anderes als Unternehmensentwicklung“, sagt er. Kosche ist CIO und CFO bei JAB Anstoetz, einem typischen Hidden Champion aus Ostwestfalen. Mit etwa 1.300 Mitarbeitern erwirtschaftet der Stoffgroßhändler laut unterschiedlichen Quellen (das Unternehmen selbst spricht darüber nicht) etwa 280 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Kosche ist mit seinem Team und dem CDO-Kollegen Sven-Hendrik Timmermann dabei, das gesamte Unternehmen auf die digitale Gegenwart und Zukunft einzustellen.

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Auf den ersten Blick könnte das Geschäft von JAB Anstoetz analoger kaum sein. Das Familienunternehmen handelt mit Stoffen für Vorhänge, Teppiche und Polstermöbel und beliefert vor allem Händler, die ihrerseits das Endkundengeschäft betreiben. Mehr als 3.000 Artikel aus unterschiedlichsten Stoffen lagern in über 20.000 Farben in Bielefeld. Und hier fangen die Probleme für Kosche schon an: „Ohne saubere Stammdaten kann man sich viele Digitalisierungsideen glatt sparen, da integrierte Prozessketten auf guten Stammdaten basieren.“ Das heißt konkret: Alle Produkte nebst Variationen, Mustern, Farben, Materialeigenschaften, Verfügbarkeiten und anderen wesentlichen Merkmalen müssen erfasst werden. Wenn diese Daten nicht eindeutig, standardisiert und digitalisiert vorliegen, sind alle abgeleiteten Digitalvisionen zum Scheitern verurteilt.

Künstliche Intelligenz gegen Ausschuss

Stammdaten-Governance ist das Stichwort. Etwas unspektakulär, versprechen die aus dem Silicon Valley kommenden „Digital Evangelists“, wie sie sich selbst gern nennen, doch meist, dass man mit der Digitalen Transformation die ganz großen Räder drehen kann. So hatte die Initiative zur Digitalen Transformation auch bei JAB Anstoetz vor gut drei Jahren mit durchaus großen Visionen begonnen. Zusammen mit IBM Watson wollte man zum Beispiel die Fehlererkennung in Stoffen automatisieren, so den Ausschuss minimieren und die Effizienz steigern. Die Logik war bestechend: Alle Stoffbahnen werden vollautomatisch visuell eingelesen, Gewebe- oder Farbfehler erkannt und gespeichert, damit bei späteren Stoffbestellungen optimale Zuschnitte gewählt werden können. Mit Künstlicher Intelligenz würde die Fehlererkennung quasi von selbst immer besser, schneller und zuverlässiger, der Ausschuss noch weniger – ein selbstverstärkender Wirkungskreis für Prozessoptimierung par excellence.

KI: kein Mehrwert erkennbar

Leider machte die Realität der Vision einen Strich durch die Rechnung. „Wir mussten feststellen, dass das Antrainieren der Künstlichen Intelligenz viel langsamer und vor allem mühsamer war, als wir es uns vorgestellt hatten“, blickt Kosche auf die ersten Ideen zurück. „Bei unseren Stoffen gab es schlicht nicht genug Fehler – und auch nicht genug eindeutige Fehler.“ Der Grund: Bei einem changierenden Stoff kann eine Farbabweichung Absicht sein, bei einem anderen Stoff ist es eine Katastrophe. Manche Stoffe haben gezielt grobe Strukturen, bei anderen Stoffen wäre das ein Webfehler. „Mit der KI-Technologie, wie wir sie 2018 einsetzen konnten, war für uns daher kein Mehrwert erkennbar – und damit stehen wir sicherlich nicht allein da.“

Die erste wesentliche Erkenntnis für Kosche: Überall dort, wo eindeutige Maschinendaten in großer, standardisierter Zahl anfallen, zum Beispiel in produzierenden Betrieben, würde er sofort in Machine-Learning und Künstliche Intelligenz investieren. Überall dort, wo die Datenbasis nicht hinreichend harmonisch und eindeutig ist, ist es bis zum effizienten Einsatz von KI noch ein weiter Weg.

Über Machine-Learning zurück zur Basisarbeit

Nicht weniger ambitioniert war der nächste Versuch von JAB Anstoetz: Um Kunden die Auswahl ihrer Stoffe zu erleichtern, entwickelte der Stoffhändler eine Bilderkennung mit Schnittstelle zu Pinterest. Nur in einem kleinen „Laborumfeld“, wie Kosche es nennt, aber deshalb nicht weniger spannend. Die Idee hier: Statt sich durch Musterkataloge zu kämpfen, können Kunden einfach ein Bild mit ihrer Lieblingseinrichtung hochladen, und JAB Anstoetz schlägt automatisch vor, welche Stoffe zum Einsatz kommen müssten, um das gewünschte Ambiente zu erzeugen. Auch das funktioniert aber nur, wenn die zugrundeliegenden Stammdaten und Merkmale im System vorliegen.

So landete JAB Anstoetz gewissermaßen über Umwege bei der eingangs beschriebenen Basisarbeit. Der Mittelständler dürfte damit stellvertretend sein für viele deutsche Unternehmen, die mitten in der Digitalen Transformation feststellen, dass die nächste Stufe nur erreicht werden kann, wenn vorher die Hausaufgaben gemacht worden sind. Für IT-Konzerne besteht die Welt natürlicherweise aus (maschinenlesbaren) Daten. In anderen Unternehmen muss diese Basis erst geschaffen werden. Im Dialog mit den IT-Unternehmen, die Tools und Systeme für digitale Projekte anbieten, müssen Chief Digital Officer (CDOs) gerade aus klassischen Industrien wie Produktion, Handel oder Handwerk daher immer im Blick behalten, dass die Dienstleister auch die real existierende Ausgangslage bei der Datenbasis bedenken.

Verlorene Liebesmüh für Kosche? Nein, für den Digitalisierer sind die Erfahrungen wertvoll. „Wir sammeln jetzt viel mehr Daten über unsere Produkte und unsere Abläufe als früher“, sagt er. Schon allein zu lernen, wie man Daten richtig erhebt und verarbeitet, sei ein gewaltiger Fortschritt in sich und ermögliche erst, den Blick auf künftige Digitalisierungsprojekte zu richten.

„Technologiegetriebene CDOs scheitern“

Bis dahin arbeitet Kosche bei JAB Anstoetz vor allem an der Unternehmenskultur und an der Befähigung der Mitarbeiter und kommt wieder auf sein Lieblingsthema zu sprechen. „Unternehmensentwicklung umfasst Organisation und Kultur, Menschen und Fähigkeiten, Prozesse und eben nur als einen Teil auch Technologie.“ Die schwierigste Hürde und vornehmliche Führungsaufgabe in der Digitalen Transformation sieht er daher in der Weiterentwicklung der allgemeinen Kultur und jedes einzelnen Mitarbeiters hin zu einer Organisation, in der Eigenständigkeit und Verantwortung, Mut und Veränderungsbereitschaft gelebt und honoriert werden. „Technologieanbieter gehen oft implizit davon aus, dass sich mit der Einführung einer neuen Technologie die Kultur und die Arbeitspraxis in einem Unternehmen schon irgendwie anpassen werden. Aber das ist harte Arbeit und braucht vor allem viel Zeit und Energie“, so Kosche.

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Kosche ist davon überzeugt, dass die Digitale Transformation nur gelingen kann, wenn sie in der Breite des Unternehmens verankert wird. JAB Anstoetz entwickelt dazu aktuell ein umfassendes Weiterbildungsprogramm für Mitarbeiter. Einzelne Kollegen werden neben ihren Kernaufgaben mit der Rolle als „Innovationstreiber“ ausgestattet, um in ihren Abteilungen Impulse für die Digitale Transformation zu setzen. Eine zentrale Einheit, die quer zur restlichen Organisation steht und dem Rest des Unternehmens Digitalisierung mehr oder weniger oktroyiert, hält Kosche für kontraproduktiv. „Rein technologiegetriebene CDOs, die vergessen, die Organisation in der Breite mitzunehmen, scheitern aktuell reihenweise“, beobachtet er. Die Abwehrhaltung, die man damit in den allermeisten Fällen in den etablierten Bereichen hervorrufe, sei das größte Hemmnis auf dem Weg zur Digitalisierung, ist Kosche überzeugt. Daher ist sich der IT- und Finanzchef auch gar nicht sicher, ob der CDO als eigenständige Funktion überhaupt notwendig ist. „Was der Chief Digital Officer in seiner Rolle erreichen soll, ist absolut sinnvoll für jedes Unternehmen. Ob es dafür einen CDO als eigenständige Funktion benötigt, ist eine ganz andere Frage, die jedes Unternehmen für sich beantworten muss.“

INFO

Der Digitalisierer

Patrick Kosche ist seit 2015 CFO und CIO bei JAB Anstoetz. Zuvor war unter anderem Director Accountancy and Strategy Consulting bei der Itelligence AG, einem SAP-Beratungs- und Implementierungshaus. Kosche studierte Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität zu Braunschweig und ist Sprecher im Arbeitskreis S/4HANA für SAP-Anwender.

INFO

Das Unternehmen

JAB Anstoetz ist ein klassisches Familienunternehmen mit Sitz in Bielefeld. Seit 1946 handelt das Unternehmen mit hochwertigen Stoffen und gilt als Hidden Champion, der auf der ganzen Welt Einzelhändler und Großkunden beliefert. Großaufträge zum Beispiel für Hotels erreichen leicht viele Kilometer Teppichboden oder Vorhänge – so kürzlich ein Auftrag für einen Neubau in Mekka, der in Summe rund 750 Kilometer Stoff umfasste. Das Unternehmen ist auf allen Kontinenten vertreten, liefert in über 80 Ländern und hat über eine komplexe Lagerlogistik rund 3,5 Millionen Meter Stoffe in ständiger Lieferbereitschaft vorrätig.

Foto: JAB Anstoetz

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