Heiko Hegwein, Vorstand Digital bei der TAKKT AG
Foto: TAKKT AG

Digitalisierung bei Takkt: die Pyramide umdrehen

Digitalisierung bei Takkt: die Pyramide umdrehen

Agilität und zentrale Steuerung vertragen sich nicht? Heiko Hegwein, Vorstand Digitalisierung bei Takkt, beweist das Gegenteil.

Unternehmen wollen schneller und besser werden, vor allem wenn es darum geht, das Kundeninteresse zu erkennen und zu bedienen. Dabei kommt die traditionelle, häufig als zu statisch empfundene Führungs- und Organisationslogik nicht immer gut weg. Dehnbare, atmende Strukturen sind das neue Must-have und werden gerade in der Digitalen Transformation als nahezu zwingend erachtet. Doch läuten sie auch das Ende von zentraler Steuerung und Hierarchie ein? Nicht unbedingt. Die Takkt AG arbeitet gewissermaßen mit dem Gegenentwurf: einer sauberen Kaskadierung der Verantwortlichkeiten.

Takkt ist ein Spezialversandhändler. „Unser Kerngeschäft: Betriebsausstattung für unsere Kunden, zuverlässig und bequem“, sagt Heiko Hegwein. Er sitzt im Konzernvorstand und verantwortet dort die gruppenweite Digitalisierung. Hegwein ist seit Februar 2018 an Bord und möchte bis 2020 eine Verdopplung des E-Commerce-Umsatzes erreichen, die Geschäftsmodelle digitalisieren und die Organisation passend dazu neu aufstellen. Eine beachtliche Aufgabe.

Customer-centric: die andere Sicht

In seinen Worten: „Ich möchte die Pyramide umdrehen.“ Takkt habe sich lange auf das Kataloggeschäft konzentriert, in der Bildsprache des Digitalvorstands die Spitze der Pyramide: das Produkt oben, der Kunde unten. Egal welcher Branche der Kunde angehörte oder welchen Produktbedarf er hatte, ihm wurde das Standardsortiment im Katalog angeboten. „One size fits all“ nennt Hegwein diesen Ansatz. Und er ist für ihn ein Relikt der Vergangenheit: „Das drehen wir um – auch kulturell“, sagt er. Die Kunden erhalten zwar auch heute noch jedes Jahr mindestens einen mehrere Hundert Seiten dicken Wälzer. Mittlerweile gehen jedoch gut 55 Prozent der Auftragseingänge über digitale Kanäle ein.

INFO

Das Unternehmen

Der Takkt-Konzern ist ein Portfolio von B2B-Versandhändlern für Geschäftsausstattung. Takkt übernimmt als Managementholding die strategische Führung und Begleitung der Portfoliogesellschaften. Hauptaktionär Haniel hält gut 50 Prozent der Takkt-Anteile. 2018 erzielte Takkt ein organisches Umsatzwachstum von 3,4 Prozent auf 1,18 Milliarden Euro und ein Ebitda von rund 150 Millionen Euro.

Klingt gut, allerdings bewegt sich der B2B-Versandhändler auf hartem Terrain. Immerhin gilt in digitalen Märkten nicht selten, dass es nur einen geben kann – und dessen Name beginnt gerade beim Onlineversand häufig mit A. „The winner takes it all? Das halte ich im B2B-Commerce für unrealistisch“, sagt Hegwein. Ein Generalist wie Amazon könne gerade im B2B-Geschäft nicht für jedes Kundenbedürfnis Spezialist sein. Kundenspezifische Produkte, individuelle und persönliche Beratung sowie spezielle Services sind und bleiben eine Differenzierungsmöglichkeit, argumentiert der Digitalvorstand. Wer sich auf eine bestimmte Nische konzentriere und dort ein herausragendes Einkaufserlebnis generiere, der mache das Rennen, sagt er. „Wir haben 2017 unsere Digitale Transformation gestartet und wollen bis Ende 2020 unser E-Commerce-Geschäft auf 900 Millionen Euro steigern“, so Hegwein.

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Ordentliches Budget

2016 lag der Umsatz des E-Commerce-Geschäfts bei 450 Millionen Euro, aktuelle Zahlen zum E-Commerce-Umsatz kommuniziert das Unternehmen noch nicht. Doch auch ohne diese ist klar: Der Takkt-Vorstand muss Veränderungsdruck und -geschwindigkeit hoch halten – in sieben Sparten auf zwei Kontinenten. Nahezu jede einzelne Gesellschaft des Konzerns betreibt im Kern zwar ein vergleichbares Geschäftsmodell, allerdings mit einem unterschiedlichen Fokus auf verschiedene Kundengruppen, Produktsortimente und Länder. Hegwein hebt nicht nur das Portfolio der Sparten ins Internet, sondern will dort auch zusätzliches Geld verdienen – und das sollte bis hin zur Rechnungsstellung in den einzelnen Organisationseinheiten reibungslos funktionieren. Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Er will, dass Takkt nicht nur anders, sondern auch besser wird. Wie steuert der Digitalvorstand diese Bandbreite an Einzelaktivitäten?

Was auf der Hand liegt: Als Vorstand hat er die nötige organisatorische Rückendeckung im Konzern. Zudem ist Hegweins Digitalstrategie mit einem Budget von 50 Millionen Euro ordentlich untermauert. „Das ist ein Signal, das in der Organisation ankam“, sagt er. Eine pralle Kriegskasse allein macht aber noch keine Transformation. Hegwein musste rasch belegen, dass er sportlichen Zielen auch Ergebnisse folgen lassen kann. Dazu hat der Takkt-Vorstand ein interessantes Setting aus zentraler Planung und klassischer Strategiearbeit entwickelt und dieses um neue Steuerungsinstrumente ergänzt.

Gesamte Organisation aktivieren

Zunächst hat Hegwein die Geschäftsbereiche der Holding mit eigenständigen CDOs besetzt. Sie sind für die Erarbeitung und Umsetzung der Agenda für die jeweiligen Sparten zuständig. Ein zentraler Ansprechpartner im Headoffice managt im Alltag die Takkt-CDO: Peter Bruhn, Senior Digital Advisor, koordiniert die CDO-Arbeit. „Da wir direkt an die Geschäftsführung der Gesellschaften bzw. an den Vorstand angebunden sind, haben wir sehr kurze Entscheidungswege, können digitale Themen extrem schnell umsetzen und den Kulturwandel top-down vorantreiben“, erklärt Bruhn auf der Unternehmenswebsite.

Dazu muss man wissen: Die Takkt AG übernimmt in ihrer Rolle als Holding die strategische Führung und steuert das Portfolio. Künftig soll diese Steuerungsfunktion noch sehr viel aktiver gelebt werden, indem die Holding stärker in die Aktivitäten zur Wertsteigerung der einzelnen Geschäftsfelder einsteigt. Dazu muss Digitalvorstand Hegwein genau wissen, wo die einzelnen Units stehen. Das Reifegradmodell soll ihm diesen Einblick geben: In vier Stufen bewertet der Vorstand den Reifegrad der Digitalisierungsvorhaben. Ist zumindest eine dezidierte Datenstrategie vorhanden? Arbeiten womöglich bereits Kollegen im Controlling Business-Intelligence-basiert? Oder wurde sogar eine ganze Datenorganisation samt Technologie-Stack aufgesetzt? Ob „Beginner“, „Follower“, „Transformer“ oder „Leader“: Auf der Basis von 30 Unterkriterien bewertet Hegwein, ob ein Geschäftsbereich eher am Anfang steht oder sich bereits performant entwickelt.

Takkt soll insgesamt flexibler werden, deshalb verlagert Hegwein die Entscheidungskompetenzen auf die Arbeitsebene. In den Einheiten selbst setzen die Kollegen auf neue Methoden, probieren Design Thinking, Scrum oder Kanban aus. Der Takkt-Vorstand selbst plant die Zukunft der gesamten Organisation aber keineswegs in Start-up-Manier: eine 10-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit ist nicht genug. Ab einem bestimmten Punkt verlangt der Digitalvorstand einen klaren Plan für die Zukunft, nicht nur, um als Konzern erfolgreich wachsen zu können, sondern auch, um die Kollegen in den einzelnen Gesellschaften zu konsistenten Handlungen zu verpflichten. „Das digitale Reifegradmodell ist unser Steuerungsinstrument in der Organisation“, sagt Hegwein. Entwickelten sich Schlüsselprojekte in einer Gesellschaft nicht zufriedenstellend, komme er ins Spiel. Er sei der Coach und suche mit dem Geschäftsführer und dem CDO nach Lösungswegen.

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Die CDO-Organisation

Der Takkt-Konzern ist ein Portfoliounternehmen, dementsprechend divers hat Hegwein die CDO-Organisation aufgestellt. Auf Konzernebene verantwortet er als Mitglied des Vorstands die Digitalstrategie. In den jeweiligen Geschäftsbereichen wurden eigenständige CDOs installiert. Sie sollen die Umsetzung der digitalen Agenden in den einzelnen Gesellschaften vorantreiben. Die insgesamt sechs Sparten-CDOs koordiniert Peter Bruhn als Senior Digital Advisor. Er ist auch für die gemeinschaftliche Umsetzung der digitalen Agenda in den Geschäftsbereichen verantwortlich.

Die Digitalchefs im operativen Geschäft

  • Thorsten Louis ist CDO bei Kaiser+Kraft
  • Elke Katz ist CDO und CMO bei Ratioform
  • Greg Banks verantwortet ebenfalls in Personalunion als CDO/CMO die Digitalaktivitäten der Hubert-Gruppe
  • Nat Norris fungiert als Digitalchef der Central-Gruppe
  • Chris Hayes ist CDO der NBF Gruppe
  • Bryan Snietka ist CDO und CTO der D2G-Gruppe

Darüber hinaus berät seit 2015 ein Beirat den Vorstand und die Chief Digital Officer, darunter Experten der Deutschlandtochter von Google, des Beratungsunternehmens McKinsey und der Universität München.

Konsequent und messbar handeln

Ergänzend dazu haben die Geschäftsführer der einzelnen Geschäftseinheiten beispielsweise auch den digitalen Reifegrad der Organisation in ihren Zielen stehen. Neben den finanziellen Zielen möchte Hegwein aber vor allem inhaltlich überzeugen. Ein Hebel: der digitale Nachwuchs sowie Weiterbildungen wie das „Corporate Digital Intrapreneur“-Programm, das unterhalb der jeweiligen CDOs aufgehängt ist. Jüngere Kollegen werden über 18 Monate in einem internationalen Programm digital ausgebildet und sollen dann als digitale Schnellboote die Organisation voranbringen.

Hegwein steuert außerdem die Performance der Takkt-Digitalaktivitäten am Kunden. Die Kundensicht holt sich der Digitalchef über den Net Promoter Score (NPS). Hierbei handelt es sich um eine Kennzahl, die letztlich Aufschluss über die Kundenzufriedenheit gibt. Hegwein hat die Steuerungsgröße vor knapp einem Jahr eingeführt und sie direkt mit einer eigenen Organisationseinheit versehen. „Jemand muss dafür sorgen, dass die Probleme an der Wurzel gepackt werden“, sagt er. „Das kann so weit gehen, dass wir problematische Lieferanten oder Dienstleister auslisten“, bekräftigt der Vorstand. Ein interdisziplinäres Team kümmert sich gezielt um Kundenbeschwerden. Seine Mitglieder arbeiten über verschiedene Fachbereiche hinweg und sind nicht an deren gängige Hierarchiestrukturen gebunden.

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Der Takkt-Digitalvorstand setzt bei der Umsetzung seiner Digitalstrategie damit auf ein Hybridmodell: zentrale Verantwortlichkeiten und Top-down-Berichtslinien, in den Projektteams aber viel Eigenverantwortung und interdisziplinäre Strukturen. Einzelne Organisationsteile lassen sich so im Alltag flexibel ausrichten, um ein besseres Verständnis für spezifische Märkte oder Kundensegmente zu entwickeln. Wenn es aber mal brennt, kann der Digitalvorstand sich jederzeit auf bewährte Prozesse und Hierarchien verlassen.

INFO

Der Vorstand Digitalisierung

Dr. Heiko Hegwein startete seine berufliche Karriere 1999 in der M&A Beratung, zunächst bei Ernst & Young und dann als Vice President M&A beim Bankhaus Metzler. Von 2007 bis 2017 war er in unterschiedlichen Funktionen bei der Schwarz-Gruppe tätig und insbesondere für den Aufbau des internationalen E-Commerce-Geschäfts und für die Digitale Transformation der Lidl-Gruppe verantwortlich. Seit dem 1. Februar 2018 gehört Hegwein dem Vorstand der Takkt AG an und verantwortet bis 2021 die Geschäfte der Newport-Gruppe sowie die digitale Agenda der Takkt-Gruppe.

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