Susanna Schneeberger, Member of the Executive Board of KION GROUP AG Chief Digital Officer
Foto: KION GROUP AG/Oliver Lang

Kion-Digitalchefin: Schneeberger soll es auf die Spitze treiben

Kion-Digitalchefin: Schneeberger soll es auf die Spitze treiben

Bei Kion läuft es rund: starke Marktposition, kräftiges Wachstum, erfolgreiches Digitalgeschäft. Wozu braucht es einen Vorstandsposten für Digitalisierung?

Kion macht vieles anders, man könnte auch sagen: andersrum. Während die meisten Unternehmen ihre Neuausrichtung so angehen, dass sie zunächst einen Digitalchef benennen, ihm ein Team oder einen Bereich zuordnen, um dann aus der Organisation heraus das Geschäft zu transformieren, testet der Frankfurter Intralogistikausrüster den Gegenentwurf. Zuerst wurde das Geschäft neu aufgesetzt, dann kam die passende Personalie hinzu. „Meine oberste Priorität: unsere Firma für die Zukunft gut aufzustellen. Und dazu zählt auch, dass der Umsatz des Neugeschäfts steigt“, erklärt Susanna Schneeberger. Sie ist seit Oktober 2018 Digitalchefin bei Kion. Ihre Vorstandsposition wurde neu geschaffen.

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CDO-Auftrag: noch profitabler wachsen

Eine Wachstumsvision der CDO: neue Softwarelösungen für die Bereiche Mobile Automation und Digitalisierung. Schon heute biete das Unternehmen  miteinander kommunizierende Flurförderzeuge, automatisierte Lagersysteme und integrierte Softwarelösungen, um die Logistikketten der Kunden effizienter zu machen. „In Zukunft ist die Entwicklung neuer digitaler Produkte entscheidend, mit denen wir unseren Kunden helfen, wettbewerbsfähig zu bleiben und komplett neue Geschäftsmodelle umzusetzen“, sagt sie. Im Intralogistikbereich sei der Mangel an Arbeitskräften ein zunehmendes Problem der Kunden. Eine Lösung: autonom agierende Gabelstapler, die bestellte Waren aus einem Lager automatisch zusammentragen könnten. Anschließend würden diese dann von Robotern verpackt und versendet. Mit Hilfe von Blockchain könnte der Weg der Waren sogar lückenlos nachvollzogen werden – alles ohne menschliches Zutun.

CDO-Challenge: im Unternehmen verankern

Schneeberger muss in den kommenden fünf Jahren beweisen, dass sie für Kion neue Produkte entwickeln kann, die am Markt funktionieren – und die ein ohnehin starkes Geschäft noch stärker aufstellen. Auf den Punkt gebracht: Schneeberger muss die aktuellen Erfolge toppen. Ihre Herausforderungen sind also trotz des Erfolges beachtlich – oder gerade deswegen. Denn wie soll ein CDO Fuß fassen in einem Konzern, der schon alles hat?

Kion profitiert wie kaum ein anderes Industrieunternehmen vom boomenden E-Commerce-Geschäft. Während viele produzierende Unternehmen die Sorge vor Amazon umtreibt, kurbelt der US-Plattformgigant das Wachstum erst so richtig an. Denn jedes im Internet bestellte Produkt kommt aus einem Lager und muss zum Kunden gebracht werden. Die Produktpaletten sind vielfältig, die Lieferzeit immer schneller getaktet. Ohne optimierte Intralogistik – Kions Kerngeschäft – geht gar nichts. „Wir sind in einem Markt unterwegs, der schneller wächst als die Weltwirtschaft“, fasste es Kion-Vorstand Gordon Riske kürzlich zusammen.

E-Commerce stärkt die Marktposition

2006 wurde Kion von Finanzinvestoren aus dem Linde-Konzern herausgelöst. Schon das Bestandsgeschäft der Frankfurter ist gut am Markt positioniert. In Sachen Gabelstaplerverkauf rangiert Kion weltweit auf Platz 2. Einen Wachstumsschub erlebt der Gabelstaplerhersteller, seit das Management auf Digitalisierung umgeschaltet hat: nicht nur Stapler, sondern auch Software heißt seit 2016 die Devise. Durch den Zukauf von Dematic, einem Anbieter intelligenter Intralogistiklösungen, kam zu den Gabelstaplern die Automatisierung und die Lieferkettenoptimierung hinzu. Damit eröffnen sich Kion auch im Digitalgeschäft gute Zukunftsperspektiven. Über 2 Milliarden US-Dollar soll der Kauf die Gruppe gekostet haben, doch das war es wert. Kion kann jetzt fast alles anbieten, was Logistikgiganten wie Amazon brauchen. Ein kluger Schachzug, denn Kion hat so nicht nur ein neues Geschäftssegment erschlossen, sondern sichert das Bestandsgeschäft durch das Digitalgeschäft zusätzlich ab: Im vollautomatisierten Lagerhaus wachsen Flurförderfahrzeuge und Logistiknetzwerke immer enger zusammen.

Erfolgsfaktor: operative Verantwortung

Was die Position der neuen Kion-CDO in der Organisation von Beginn an stärkt: Sie hängt nicht im luftleeren Raum. Schneeberger verantwortet die Digitalisierung und alle dazugehörigen Bereiche des Konzerns, darüber hinaus auch das operative Geschäft des Segments „Supply Chain Solutions“. Dort ist auch der Zukauf Dematic angesiedelt, für den die Digitalchefin ebenfalls verantwortlich zeichnet. Den aktuellen Zahlen zufolge verzeichnet Schneebergs Bereich im ersten Quartal 2019 einen Umsatz von 568,8 Millionen Euro (Vorjahr: 470,7 Millionen Euro). Allein in den ersten drei Monaten 2019 wurde der Auftragseingang um 52 Prozent gesteigert. Der Bilanzmeldung zufolge ist das Auftragsplus im Bereich Lieferkettenlösungen vor allem auf die Marktstellung von Dematic zurückzuführen.

Das alles sind handfeste Argumente für die neu geschaffene Position des Digitalchefs. Wichtig für Schneeberger: „Ich habe Business-Verantwortung, das stärkt mein Standing als CDO.“

Customer Centric – an allen Touchpoints

Schneeberger sagt aber auch: besser zweimal zuhören, bevor man übereilt losstürzt. „Ich muss Menschen mitnehmen und davon überzeugen, dass eine Veränderung für sie Vorteile hat. Das gilt für alles, was ich je gemacht habe“, sagt sie. Dazu muss man wissen: Die Kion-CDO ist ausgewiesene Strategin und dürfte das Thema Changemanagement zur Genüge erprobt haben. Schneeberger hat in den vergangenen 20 Jahren in unterschiedlichen Funktionen Digitalstrategien erarbeitet und implementiert.

Nach Stationen im Verlagswesen, der Beratung und einem Softwarehaus zog es sie in die Industrie. Eine gewaltige Umstellung: „Ich hatte damals wenig Ahnung vom produzierenden Gewerbe. Was ich aber sofort bemerkte: Hier läuft alles langsamer und ist sehr komplex“, erinnert sie sich. Ihr Auftrag: bei einem schwedischen Unternehmen das Bestandsgeschäft aus der Abhängigkeit zur Automobilbranche lösen. Als sie dort dann wenig später das globale Sales und Marketing verantwortet, steigt sie tief ein in Wachstumsideen durch digitale Lösungen. „Die Kundenbindung zu stärken, letztlich ging es uns damals nur darum“, sagt sie rückblickend.

Karrierepfad CDO: kein Mann, keine Deutsche

Das war in den Jahren zwischen 2007 und 2014, dann folgte der CEO-Posten. Sie übernahm die Leitung des Industriekranhersteller Demag Cranes. „Plötzlich waren da 5.000 Menschen, die mich infrage stellten. Ob ich Ahnung von Kränen habe, ob ich Ingenieurin sei, Deutsche?“, berichtet sie. Die gebürtige Schwedin war nichts davon und doch die Richtige. Schneeberger leitete den Turnaround des Industrieunternehmens ein. Der Kontext: Die feindliche Übernahme des US-amerikanischen Kranbauers Terex war nicht verdaut, Demag Cranes war gerade von der Börse genommen worden – und die gesamte Organisation strauchelte. Schneeberger trat an, um die Gemüter zu beruhigen und die Firma am Markt wieder ordentlich für die Zukunft zu positionieren. Sie kannte die deutsche Kultur und die US-amerikanische, hatte Integrationserfahrung: So führte sie den Konzern nicht nur durch die Restrukturierung, sondern implementierte auch hier eine umfassende Digitalstrategie. 2017 erfolgte dann die Übernahme durch den Konkurrenten Konecranes. Schneeberger betreute die Integration im Vorstand.

New Work: viel zielorientierter arbeiten

Konsequenz ist ihr Markenzeichen. „Wir müssen lernen, anders zu arbeiten, sehr viel zielorientierter“, sagt Schneeberger. Auf dem „Digital Campus“ hat Kion Anfang des Jahres gemeinsam mit einem Strategieberater einen Raum geschaffen, um außerhalb des Arbeitsalltags über neue Geschäftsmodelle nachzudenken, Ideen zu testen oder einfach Kunden in einem inspirierenden Umfeld zu sprechen. Intern verändert der „Digital Campus“ die Organisation – ganz im Sinne der CDO. Wenn sie möchten, können Kion-Mitarbeiter dort Veränderung spüren und erfahren. Zudem treibt Schneeberger das Projekt „Kion Digital Academy“ voran, ein Forum zur digitalen Weiterbildung der Belegschaft.

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Zusätzlich zum „neutralen Platz“ auf dem Campus forciert sie so neue Organisationsmethoden wie agiles Arbeiten über die Konzernmarken hinweg. So möchte Schneeberger die Digitale Transformation der gesamten Unternehmensgruppe beschleunigen. Man könnte auch sagen: Wer nicht freiwillig auf den Campus kommt, wird von den Academy-Kollegen abgeholt. Ihr Ansatz klingt so: „Ich nehme Kolleginnen und Kollegen mit, und was das Wichtigste ist: Ich lasse sie mit gestalten“, erklärt sie. Das heißt aber nicht, dass jeder tun kann, was er will. Ihr gehe es vor allem darum, am Markt Mehrwert zu schaffen. Als CDO möchte Schneeberger die Digitalisierung bei Kion noch businessorientierter verankern – deshalb würde sie auch keinen Firmenbereich verantworten, der nicht nahe an der Wertschöpfung liege.

INFO

Die CDO

Digitalverantwortliche in der Industrie kommen meist aus dem Silicon Valley oder haben zumindest eine technische Ausbildung – für Kion-CDO Susanna Schneeberger trifft beides nicht zu. Ihre Karriere begann im Verlagswesen. Die Verlagswelt verließ sie im Jahr 2000, kurz vor der Dotcom-Blase. Zunächst zog es sie in die Beratung, dann als Strategieverantwortliche zu einem deutschen Softwarehaus, anschließend wechselte sie in die Industrie. Sie war zuletzt Executive Vice President bei Konecranes und als Vorstandsmitglied unter anderem für die Geschäftsentwicklung zuständig. Seit 2015 führte sie außerdem als Managing Director und CEO sämtliche globalen Demag-Geschäfte. Schneeberger wurde im Rahmen der Anfang 2018 verabschiedeten Strategie „Kion 2027“ in den Vorstand berufen. Ihr obliegt die strategische Verantwortung für das Segment Supply-Chain-Solutions, zeitgleich verantwortet sie als Chief Digital Officer die konzernweiten Digitalisierungsaktivitäten, die Weiterentwicklung der IT-Systeme und die Prozessvernetzung.

INFO

Das Unternehmen

Die Kion Group ist ein weltweit führender Anbieter von Gabelstaplern und Lagertechnik, verbundenen Dienstleistungen sowie Supply-Chain-Lösungen. In mehr als 100 Ländern optimiert die Kion Group mit ihren Logistiklösungen den Material- und Informationsfluss in Fabriken, Lagerhäusern und Vertriebszentren. Während viele Maschinenbauunternehmen die Sorge um Amazon beschäftigt – Preisverfall, Verlust der Kundenschnittstelle –, nutzt Kion nicht nur die Chancen der Digitalisierung, sondern hängt sich direkt die größten Zugpferde. Große E-Commerce-Player sind wichtige Kunden, wie auch andere Schwergewichte der Logistikbranche.

Ursprünglich handelte es sich bei der Kion Group um die Gabelstaplersparte von Linde. Sie wurde von Linde abgespalten und an Finanzinvestoren (Goldman Sachs und KKR) veräußert, die die Gesellschaft auf Vordermann brachten und schließlich mit Hilfe eines Börsengangs mit hohen Gewinnen wieder ausstiegen. Heute konzentriert sich das Geschäft des Unternehmens nicht mehr nur auf Gabelstapler, sondern auch auf Lagertechnik und damit verbundene Lieferkettenlösungen. Der Konzern beschäftigt als 33.000 Mitarbeiter und weist für das Geschäftsjahr 2018 einen Umsatz von knapp 8 Milliarden Euro aus.

Foto: KION GROUP AG/Oliver Lang

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