Schaeffler-CDO Gerhard Baum: Nah an der Wertschöpfungskette

Schaeffler-CDO Gerhard Baum: Nah an der Wertschöpfungskette

Seit vier Jahren ist Gerhard Baum Digitalchef bei Schaeffler und kümmert sich um die Transformation des Automobil- und Industriezulieferers.

Man tritt wohl niemandem zu nahe, wenn man sagt, dass Herzogenaurach nicht gerade der Nabel der Welt ist. Nicht einmal einen Bahnhof gibt es in der 40.000-Einwohner- Stadt in der Nähe von Erlangen. Und doch sitzen hier drei weltbekannte Unternehmen: die beiden Sportartikelhersteller Adidas und Puma sowie der Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler.

Während viele andere Unternehmen ihre Digital-Unit nach Berlin, Köln oder gleich ins Silicon Valley verlegt haben, hat Schaeffler im vergangenen Jahr sein neues Digital Transformation Center direkt am traditionellen Firmenstammsitz eröffnet. In Sichtweite des eigentlichen Unternehmenscampus treibt CDO Gerhard Baum von dort aus die Digitalisierung des Zulieferers voran. Probleme, junge und talentierte Digitalkräfte für sein Team zu gewinnen, hat Baum nach eigenen Angaben nicht. Die Metropolregion sei besonders lebenswert, und was ihr noch an Anziehungskraft fehle, liefere die Arbeitgebermarke: „Schaeffler bietet interessante Aufgaben, gut funktionierende Teams und die Arbeit an führenden Technologien“, sagt Baum. „Dadurch bekommen wir in aller Regel die Leute, die wir wollen.“

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Großzügig konzipierter Bau

Spannende Projekte verspricht auch die Arbeit im Digital Transformation Center selbst. In dem großzügig konzipierten Bau ist alles auf das digitale und agile Arbeiten abgestimmt. Niemand hat einen festen Schreibtisch, sondern sucht sich, je nachdem, wie viel Ruhe er benötigt, einen Arbeitsplatz im entsprechenden Bereich des Büros aus. Es gibt Räume für Design-Thinking-Workshops, eine Prototyping-Ecke und verschiedene Präsentationsräume. Um das agile Arbeiten in der digitalen Welt aber im ganzen Unternehmen mit seiner 73-jährigen Geschichte und seinen mehr als 92.000 Mitarbeitern bekannt und nutzbar zu machen, gehört noch viel mehr dazu. Das Team kommuniziert laufend über seine Arbeit, lädt zu Informationsveranstaltungen ein, die weltweit in die rund 170 Standorte übertragen werden, und nutzt ein neues Intranet-Kommunikationssystem. Vor allem aber arbeitet eine dreistellige Zahl an Mitarbeitern der Digital-Unit mit anderen Abteilungen in gemeinsamen Projekten zusammen, so dass die Mitarbeiter dort mit den neuen Methoden und Vorgehensweisen ganz automatisch in Berührung kommen – und zwar bis in die Unternehmensführung hinein.

Gerhard Baum wechselte 2015 von IBM zur Schaeffler Gruppe, um bei dem Familienunternehmen die Digitale Transformation voranzubringen. Als eines der großen Projekte wurde schon bald die Schaffung einer eigenen digitalen Plattform ausgemacht. „Mit dem digitalen Zwilling können wir zum Beispiel zu jedem Zeitpunkt den Zustand eines Produkts über seinen gesamten Lebenszyklus abbilden“, erklärt Baum. Richtig interessant sei es, wenn Daten aus dem Betrieb dazukommen. „Nehmen Sie etwa das Lager in einer Windturbine. Wenn wir deren Einsatzgebiet und Nutzungsintensität aufgrund der Betriebsdaten kennen, können wir die Restlebensdauer der Komponente voraussagen.“ Dass die Kunden die Daten nicht preisgeben wollen, sei laut Baum nicht die Regel: „Ein Unternehmen, das Daten für sich behält, verschenkt Wertschöpfung.“ Erst durch die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch entstehe Wertschöpfung für beide Seiten. „Mittlerweile wissen das die meisten Unternehmen am Markt“, berichtet Baum.

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Der Appetit kommt beim Essen

An der Digitalisierungsstrategie von Schaeffler hat sich in den vergangenen Jahren nichts grundsätzlich geändert. „Im Detail bewegt sich natürlich viel, jede Woche verändert sich etwas“, sagt Baum. Bei vielen Projekten ergebe sich fast automatisch eine Dynamik, die ein Nachsteuern nötig mache. „Es kommt immer wieder vor, dass wir feststellen, dass wir andere Daten brauchen als gedacht oder dass wir noch schneller auf diese zugreifen müssen“, erklärt Baum. Die Daten wiederum helfen dann, die Prozesse immer weiter zu verbessern. „Bei einigen Leistungen, die wir heute bereitstellen können, haben wir vor Jahren noch gar nicht geglaubt, dass sie notwendig oder möglich sind.“ Je besser sein Team arbeite, desto höher würden allerdings auch die eigenen Ansprüche. „Da ist gewissermaßen der Appetit beim Essen größer geworden – jetzt wir wollen mehr“, sagt Baum.

Zurückzuführen ist der Erfolg wohl auch auf die räumlich enge Verzahnung von Baums Abteilung mit dem Rest des Unternehmens am Stammsitz in Herzogenaurach und in aller Welt. Das macht auch ein Vergleich mit anderen Unternehmen deutlich. „Wir sind klar an der Wertschöpfungskette ausgerichtet,“ sagt Baum. „Wer hingegen mit seiner Digital-Unit in den vergangenen Jahren an einen vermeintlichen Hotspot gezogen ist, um einen möglichst großen Hype zu erzeugen, der ist teilweise heute nicht mehr da.“

Foto: Strohbücker

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