Volkswagen: Mit Design Thinking zur Zukunft des Autos

Volkswagen: Mit Design Thinking zur Zukunft des Autos

In Potsdam gibt es das Volkswagen-Future-Center. Dort arbeitet Digitalchef Johann Jungwirth mit seinem Team seit Februar 2016 an der Zukunft des Autos. Und daran, wie sie auf die richtigen Ideen kommen.

AKTUALISIERUNG

Seit Juni 2018 ist Johann Jungwirth nicht mehr CDO des Volkswagen-Konzerns, arbeitete stattdessen als EVP Mobility Services für VW Amerika. Im Juni 2019 wurde bekannt, dass Jungwirth den Konzern komplett verlässt.

Johann Jungwirth übt den Spagat. Vielen seiner Kollegen bei VW dürfte es derzeit so gehen, müssen sie doch einerseits mit dem Dieselskandal aufräumen und gleichzeitig die Ziele der „Transform 2025+“-Strategie erreichen. Und da ist von nichts Geringerem die Rede, als Weltmarktführer in Sachen Mobilität bis 2030 zu sein, eine Million E-Fahrzeuge jährlich zu verkaufen und schon bis 2020 neun Elektro- und Hybrid-Varianten im Portfolio zu haben.

3,5 Milliarden Euro Investitionen

Die Strapazen dieses Spagats lässt sich der Digitalchef nicht anmerken. Dabei müsste ihm der Druck eigentlich ins Gesicht geschrieben stehen. Jungwirth selbst nennt keine Zahlen, allerdings wurden im Rahmen der „Transform 2025+“-Strategie allein 3,5 Milliarden Euro an Investitionen für Elektromobilität, Vernetzung und autonomes Fahren veranschlagt. Er muss also schnellstmöglich abliefern, nicht nur Ergebnisse für seine Arbeitsbereiche. Jungwirth ist auch das Gesicht des neuen VW-Konzerns, das eben jenen Wandel repräsentiert: freundlich, begeisterungsfähig und international. Jemand, der es anders kann – duzen, keine Krawatte, nicht mal Sakko –, es aber niemandem aufzwingt. Der neu denkt, aber nirgendwo aneckt. In kaum einem Interview lässt er aus, dass er es unkompliziert mag und gern JJ genannt wird. Was wiederum alles Teil eines großen Plans sein könnte, Arroganz abzubauen und Zugang zu schaffen.

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Was aber auch seiner Vita entspringt, denn selbst seine deutsche Sprache klingt irgendwie beschwingt durch einen leichten US-amerikanischen Akzent. Sieben Jahre arbeitete Jungwirth in Kalifornien, zunächst als Chefentwickler bei Mercedes, dann bei Apple. Dort soll er an Apples Autoprojekt iCar mitgewirkt haben.

In Potsdam nun, wo einer der Standorte seiner Future-Center ist, arbeitet er auch an der Erschaffung einer neuen Welt. Kurze Wege, enger Austausch, offene Diskussion, für einen Konzern wie VW eher Neuland. Die Büros in Potsdam sind U-förmig angeordnet, alle Mitarbeiter, die sich mit der Außenschale, dem Innenraum und dem Design eines Autos beschäftigen, sitzen auf einer Etage.

„Eine Art Digital Hub“

Doch der Raum allein macht es nicht. Diesen lehrbuchhaften Stil der Einrichtung in Potsdam – clean, weiß, gelegen an einem See, alles ist ruhig und gelassen, nebenan sitzt Oracle – gab es auch schon vor Jungwirth. Damals hieß die Einrichtung Design-Center. Mit dem neuen Chef kam jedoch nicht nur ein neuer Name. Während der Standort einst Aufträge von den einzelnen Marken erhielt, die abgearbeitet wurden, sehen sich die Kollegen heute auch in einer strategischen Verantwortung. „Inhouse-Dienstleister, das war gestern. Heute sind wir eine Art Digital Hub, der Themen und neue Geschäftsfelder konzernübergreifend entwickelt“, erklärt die Standortleiterin.

Wer sich durch das Future-Center führen lässt, spürt diese neue Relevanz, die immer wieder in drei Worte gefasst wird: User-Experience-Design. „Mit JJ kam das Thema User-Experience-Design zu uns, also die Frage, wie sich ein Auto für den Kunden anfühlen muss, wenn er es bedient. Und dieser Fokus verändert die gesamte Organisation“, erklärt Ulrike Müller, die das Future-Center in Potsdam leitet. Den derzeit hochfrequentierten Begriff „Design Thinking“ nutzt hier zwar niemand, doch arbeiten alle an kundenzentrierten Lösungen, die schnell visualisiert und getestet werden sollen.

Im ersten Stock sitzen einige Kollegen zusammen. Rechts steht ein Tisch aus Holz, darauf ein Modell, jemand hat einen Lötkolben in der Hand und arbeitet daran. In der Mitte des Raumes thront einer jener Prototypen, an denen die Potsdamer ihre Ideen digitalisieren und testen. Mark Bergold erforscht gerade, ob Menschen eher Touchscreens bedienen – und wie – oder ob sie ihre Mails im Auto einfach mit einer Handbewegung abrufen wollen. Er ist User-Experience-Designer und Experte für die Bedienbarkeit von Technologien über Bewegungen und betreibt dafür gewissermaßen Grundlagenforschung. „Früher wurde die User-Experience von Elektrotechnikern in der Entwicklung konzipiert. Das hatte dann eben einen ‚ingenieurigen‘ Charme und hat sich sehr technisch angefühlt“, wie er sagt. Heute geht es um nahtlose Kundenerlebnisse, digitale Ökosysteme, wie es Jungwirth formuliert.

Um aus der stark ingenieurgetriebenen Perspektive auszubrechen, haben sie innerhalb von acht Monaten das User-Experience-Team aufgebaut. Müller und Bergold waren die Ersten beiden, die an dieser neuen Schnittstelle arbeiteten und den Ausbau vorantrieben. Sie vernetzten sich mit den Design-Kollegen und zogen unterschiedliche Disziplinen des Hauses hinzu. Bis 2018 wollen sie rund 200 Mann stark sein. Doch bislang müssen sie noch den Beweis erbringen, wie sie ihre neuen Ansätze in den Konzern tragen – und vor allem auf den Markt. Jungwirths Speedboot soll hohe Wellen schlagen. Doch wie arbeitet er mit der Konzernforschung zusammen? Wie implementieren sie die Prototypen in Produkte, die marktfähig sind?

Mit dem Vorstand fünf Themenschwerpunkte definiert

Müller kommt nicht aus dem Silicon Valley, im Gegenteil, sie arbeitet seit 1984 im VW-Konzern. Sie erinnert sich an unterschiedliche Vorgesetzte, doch mit Jungwirth hielt eine neue Generation an Managern Einzug. „Er brachte viel Freiheit hier nach Potsdam. Natürlich möchte er Ergebnisse und Zwischenschritte sehen, doch wie wir sie erreichen und wen wir dazu brauchen, das überlässt er uns.“ Früher habe ein Kollege fünf Projekte über einen längeren Zeitraum hinweg verantwortet. Jetzt organisiere man Arbeit neu, und zwar indem fünf Kollegen jeweils ein Projekt bearbeiteten. „Multitasking im Projektmanagement bedeutet, dass man alles tut, aber nichts davon richtig. Bei der Entwicklung neuer Ideen sollte man schon mal tiefer reingehen können, mit sehr viel Liebe zum Detail“, sagt sie.

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Was die Standortleiterin ebenfalls meint, wenn sie von Freiheit spricht, sind neue Teamkonstellationen. Um solche crossfunktionalen Teams zusammenzustellen, kann sie zwar nicht nach Belieben in den Abteilungen und Marken des Konzerns „einkaufen“. „Natürlich können wir nicht wie wild Personal aus anderen Konzerneinheiten abziehen. Dazu benötigen wir das Commitment der jeweiligen Führungskräfte.“ Doch die Unterstützung sei hoch, was sie auf den Output der Potsdamer Projekte zurückführe. In der neuen Struktur dürfte die Überzeugungsarbeit aber auch aus einem anderen Grund leichtfallen. Mit Jungwirth im Vorstand hat Müller überzeugende Argumente für die Relevanz der jeweiligen Projekte.

Jungwirth hat anfangs gemeinsam mit dem Vorstand fünf Themenschwerpunkte definiert, dann die Organisationseinheiten in Wolfsburg und Potsdam geschaffen, sukzessive nun auch die Future-Center in Bermont und Peking aufgebaut. Alles in allem sind das unzählige Themen, die über zwölf Marken hinweg Hunderte von Kollegen zu einem digitalen Netzwerk zusammenziehen. In alldem steckt eine beachtliche Spannung, die der Konzern in Wachstum übersetzen und auf seine Kunden übertragen muss – trotz der aktuellen Situation und der Rahmenbedingungen. Aber Jungwirth hat ein Händchen, dafür die richtige Stimmung zu erzeugen.

Foto: Volkswagen

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