Corporate Venturing: In digitale Kompetenz investieren

Corporate Venturing ist Unternehmensfinanzierung von Start-ups durch Traditionsunternehmen. Das Ziel: die Digitale Transformation des Geldgebers.

Corporate Venturing bzw. Corporate Venture Capital ist eine Form der Unternehmensfinanzierung mit Venture Capital (VC; Risikokapital, Wagniskapital). Das Kapital wird dabei nicht von einem Unternehmen aus der Finanzindustrie bereitgestellt, sondern von Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen.

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Analog zur herkömmlichen Finanzierung durch Finanzinvestoren (Venture-Capital-Geber) erhalten junge Unternehmen im Zuge von Corporate Venturing Eigenkapital und geben im Gegenzug Anteile an ihrem Unternehmen ab. Corporate Venturing finanziert auf diesem Wege entweder Ausgründungsprojekte aus dem eigenen Unternehmen oder – häufiger – externe Start-ups.

Strategien für Corporate Venturing

Corporate Venturing kann unterschiedliche Ziele haben, insbesondere die Vergrößerung der Rendite, die Stärkung der Innovationsfähigkeit oder die Gewinnung von (Digital-)Experten. Hieraus leiten sich drei unterschiedliche Strategien ab.

Renditeorientiertes Corporate Venturing

Renditefokussiertes Corporate Venturing zielt darauf auf, die Rendite des Mutterunternehmens durch eine Beteiligung an renditestarken Wachstumsunternehmen unmittelbar zu stärken. Dies kann die Auswahl von Zielunternehmen stark einschränken und ist gerade bei jungen Unternehmen – die meist Venture Capital suchen, um laufende Verluste zu finanzieren – eine schwer umsetzbare Strategie. Alternativ können Renditen über die spätere Weiterveräußerung der Anteile erzielt werden. Dann verhält sich der Corporate Investor ähnlich einem klassischen Finanzinvestor, nicht wie ein „strategischer“ Investor.

Strategieorientiertes Corporate Venturing

Aus strategischer Sicht verfolgt ein Corporate-Venturing-Investment vor allem das Ziel, über die Zusammenarbeit mit jungen, agilen Firmen eine größere Innovationsfähigkeit und -geschwindigkeit zu erreichen. Dafür sollten Chief Digital Officer (CDOs) Zielunternehmen auswählen, die zur Digitalisierungsstrategie des operativen Geschäftsmodells, des Produktportfolios oder der internen Prozesse beitragen. Erfolgreiches Corporate Venturing in diesem Sinne profitiert von den (digitalen) Kompetenzen und innovativen Ideen des Start-ups über intensiven Wissenstransfer, die Unterstützung beim Aufbau eigener digitaler Geschäftsmodelle oder die komplette Integration von Angeboten oder Lösungskomponenten in die eigenen Produkte.

Corporate Venturing als Aqui-hiring

Die vollständige Übernahme und komplette Integration eines Start-ups in ein etabliertes Unternehmen ist oft noch risikoreicher als eine Corporate-Venturing-Beteiligung, da die Unternehmenskulturen nur selten zusammenpassen. Verbreitet ist sie allerdings für die Rekrutierung eines ganzen Teams aus erfahrenen (Digital-)Experten. Sogenanntes Aqui-hiring kann daher nach genauer Analyse der Kompetenzen und Erfahrungen eines Start-ups unter Umständen sinnvoll sein.

Formen von Corporate Venturing

Die direkte Investition ist nur eine Form des Corporate Venturing. Im allgemeinen Venture-Capital-Markt gibt es zwei weitere, stärker institutionalisierte Formen von Venturing: Inkubatoren und Acceleratoren. Eine Sonderform für Unternehmen sind Innovationslabore.

Inkubator

Ein Inkubator ist eine Einrichtung, die Unternehmer auf ihrem Weg in die Selbständigkeit oder Neugründung in der Anfangsphase unterstützt. Ein Inkubator im Rahmen von Corporate Venturing bietet neben Kapital auch kostenlose Gewerberäume sowie zusätzliche Dienstleistungen aus dem Leistungsangebot des finanzierenden Unternehmens, beispielsweise IT-Infrastruktur, Unterstützung beim Marketing oder der Produktentwicklung. Für junge Unternehmen ist ein Inkubator eine gute Möglichkeit, eine interessante Geschäftsidee oder ein Produkt zur Investitionsreife zu bringen. Für etablierte Unternehmen ist dies ein eleganter Weg, viele Ideen aus nächster Nähe kennenzulernen und in ihrer Entwicklung verfolgen zu können.

Accelerator

Ein Accelerator ist eine Einrichtung, in der ein bereits gegründetes Start-up oder ein Gründerteam für einen definierten Zeitraum an seiner Geschäftsidee arbeiten kann. Dabei geht es nicht unbedingt um Venture Capital, sondern eher um die Möglichkeit, die Ressourcen des Accelerators zu nutzen. Für Corporate-Venturing-Unternehmen ist ein Accelerator eine gute Möglichkeit, Kontakt mit erfolgversprechenden Gründern aufzunehmen und ein mögliches Investment über einen längeren Zeitraum hinweg zu prüfen.

Innovationslabor

Innovationslabore werden oft auch als „Innovation Labs“ oder „Digital Labs“ bezeichnet und sind meist vom eigentlichen Unternehmen örtlich getrennt. Sie ähneln Inkubatoren, jedoch entwickeln hier meist interne Mitarbeiter neue Geschäftsmodelle und Produkte. Ziel eines Innovationslabors ist im Falle neu entwickelter Geschäftsmodelle häufig eine Ausgründung. Verbreitet ist aber auch die Überführung der entwickelten Produkte ins Portfolio des Mutterunternehmens.

Vorteile von Corporate Venturing

Corporate Venturing kann die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens auf verschiedene Weise stärken:

Neue Ideen

Personen außerhalb des eigenen Unternehmens betrachten die dort üblichen Standards, Traditionen und Vorgehensweisen aus einer anderen Perspektive. Sie entdecken leichter neue Möglichkeiten und haben häufiger ungewöhnliche Ideen.

Neue Technologien

Viele Start-ups nutzen oder entwickeln neue Technologien oder setzen bekannte Technologien für völlig neue Zwecke ein. Durch Corporate Venturing erhalten Unternehmen Zugang zu diesen Technologien.

Neue Geschäftsfelder

Durch Corporate Venturing können Unternehmen neue Geschäftsfelder erschließen, die das eigene Geschäftsfeld ergänzen oder ersetzen.

Neue Kultur

Start-up-Gründer und -Mitarbeiter sind kurze Entscheidungswege, flache Hierarchien, unkomplizierte Kommunikation und hohe Agilität gewohnt. Sie bringen frischen Wind in die Unternehmenskultur und unterstützen den CDO auf diese Weise bei der Digitalen Transformation.

Nachteile von Corporate Venturing

Corporate Venturing erfordert nicht selten erhebliches Risikokapital. Es begrenzt also die Möglichkeit, andere Investitionen umzusetzen. Eine Alternative ist die Begrenzung des investierten Kapitals durch die Investition in oder die Auflage eines eigenen Venture-Capital-Fonds. Hieran können Geschäftspartner, Shareholder oder externe Kapitalgeber beteiligt werden. Allerdings findet ein solches Engagement in einem kritischen Spannungsfeld statt: Einerseits muss das gesamte Finanzierungsvolumen gegenüber bestehenden VC-Fonds konkurrenzfähig (also hoch) sein. Dementsprechend groß sollte der Anteil des auflegenden Unternehmens sein. Andererseits begrenzen die Marktkapitalisierung und die Leistungsfähigkeit des auflegenden Unternehmens das mögliche Finanzierungsvolumen, und die strategischen Interessen der beteiligten Kapitalgeber müssen kongruent sein.

Ein weiterer Nachteil von Corporate Venture Capital ist das hohe Risiko von Investments in Neugründungen und Jungunternehmen. Eine Faustregel lautet, dass etwa 90 Prozent der finanzierten Start-ups scheitern. Hier besteht für das finanzierende Unternehmen neben dem finanziellen Risiko auch das Risiko einer möglichen Reputationsschädigung sowie erheblicher Spannungen mit internen Entwicklungsprojekten, denen meist keine 90-prozentige Scheiterquote zugestanden wird.

Erfolgsfaktoren für Corporate Venturing

Der Erfolg von Risikoinvestitionen hat eine Reihe von Voraussetzungen:

Klare Ziele

Best Cases zeigen, dass Corporate Venturing dann erfolgreich ist, wenn die Zielunternehmen anhand eindeutiger strategischer Ziele ausgewählt werden, beispielsweise zur Entwicklung neuer oder der Digitalisierung vorhandener Produkte und Services.

Unabhängigkeit

Investitionen sollten unabhängig vom Mutterunternehmen geschehen, beispielsweise in einer ausgegründeten Beteiligungsgesellschaft. Dies erleichtert außerdem die Erweiterung auf zusätzliche externe Kapitalgeber.

Mentoring

Start-ups werden zumeist von jungen Gründerinnen und Gründern mit nur wenig Erfahrung in Entrepreneurship und Management geführt. In diesem Fall es bei Risikokapitalgebern üblich, den Gründern Mentoring, Coaching und Beratung anzubieten.

Win-win-Situationen

Beide Unternehmen sollten durch Corporate Venturing gewinnen. So können Corporates von der Technologie und der Lösung des Start-ups profitieren, eine neue Fehlerkultur und Agilität erlernen sowie das typische Start-up-Mindset im Unternehmen verbreiten. Umgekehrt benötigen Start-ups Unterstützung bei Marktzugang, Fertigung, Sales, Aftersales und vielem mehr.

Kommunikation

Vor dem Investment steht die Kommunikation mit dem Start-up. Die Investoren sollten offen, neugierig und vorsichtig agieren, um die Gründungsteams nicht abzuschrecken. Letztlich konkurrieren sie mit erfahrenen Venture Capitalists, die genau wissen, wie sie mit Start-up-Teams umgehen müssen.

Team schlägt Idee

Best Cases aus den Investments von Venture Capitalists in aller Welt zeigen eine eindeutige Tendenz: Ein gutes Team kann auch eine mäßige Idee perfekt verwirklichen, während ein schlechtes Team selbst mit genialen Ideen scheitert.

Zielerreichung messbar machen

Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Erreichung strategischer Ziele über KPIs zu messen. Jedoch sind Ansätze wie Scorecards bei innovativen Jungunternehmen kaum nutzbar. Deshalb sollte der Chief Digital Officer zusammen mit den Gründern und dem CFO eigene Kennzahlen entwickeln, die genau auf die Situation des Start-ups abgestimmt sind.

Foto: Sladic/iStock/Getty Images

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